Das Petra Prinzip

December 27, 2005

Empörung aus dem Spiegel:

Filed under: These — by petraprinzip @ 11:48 am

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,392360,00.html

HALTUNG BEWAHREN!

Was beschert uns das neue Jahr? Vernunft, Pragmatismus,
Sachzwänge. Wer das nicht einsehen will, hat Pech. Oder
genügend Mut, ein paar in Verruf geratene Begriffe hoch zu halten.
Wie Reinhard Mohr, der heute unsere kleine Essay-Reihe eröffnet – mit echter Empörung!

Berlin – Der Zustand dauert schon eine ganze Weile an. Vielen, vor
allem den heute 30-Jährigen, wird er allerdings gar nicht
besonders aufgefallen sein. Kein Wunder, gehören sie doch selbst,
als Protagonisten der Globalisierungsära, zum Phänomen der
Zeit. Und die sagt: Empörung ist out, Attac hin, Antifa-Demo her.

Organisierter Protest, gar “kollektiver Widerstand” ist uncool geworden,
Gesellschaftskritik schon als Begriff verpönt, ein beinah
peinliches Fremdwort aus antiker Vorzeit. Nur noch kleine Zirkel
beschäftigen sich damit. Hin und wieder, meist zur Weihnachtszeit
oder nach besonders verabscheuungswürdigen Verbrechen an Kindern,
wogt für kurze Zeit eine emotionale Debatte über die
“Grundwerte unserer Gesellschaft”, und das war es dann. Bis zur
nächsten Silvesteransprache.

Die berüchtigten 68er, mit dem Ende von Rot-Grün auch
offiziell abgetreten, gelten als die Prontosaurier jener Epoche, in der
alles noch grundsätzlich in Frage gestellt und “durchdiskutiert”
wurde, sei es der “Spätkapitalismus”, die Solidarität mit
Nicaragua, die “Funktion der bürgerlichen Presse” oder der
Putzplan in der Wohngemeinschaft.

Längst zum klischeehaften Comicstrip erstarrt erinnert diese ferne
Zeit Mitte der siebziger Jahre gleichwohl daran, wie
selbstverständlich die Dinge heutzutage hingenommen werden. Bei
allem Streit im Einzelnen, trotz Kritik und Missmut allenthalben – man
fügt sich und bemüht sich. Bloß nicht den Anschluss
verlieren. Wer den Zug der Zeit verpasst, muss schauen, wo er bleibt.
Ganz allein, ob angestellt oder arbeitslos, als Ich-AG oder mit
heimlichem Masterplan in der coolen Saccotasche.

Rage und Gage

Aber Mensch bleibt er eben doch. Und der regt sich auf, solange er
lebt. Wenn er Deutscher ist, jammert und klagt er schon von Berufs
wegen ausdauernd und inbrünstig. Ein Anlass findet sich jeden Tag
im Kleinen wie im Großen, und die fortgeschrittene
Mediengesellschaft perfektioniert die Jammer-, Klage- und
Empörungskultur in bewundernswerter Weise. Ob Gammelfleisch oder
Schröders neuer Russenjob, ob Hartz IV oder “Benzinwut”,
Feinstaubalarm, Visa-Skandal oder die Sexabenteuer von VW-Managern –
die Erregungsmaschine der Massenmedien funktioniert.

Kurze Zeit später ist dann alles wieder vergessen. Wut und
Empörung fallen in sich zusammen wie ein angestochenes
Soufflé, auch wenn die Metapher beim Gammelfleisch-Skandal
problematisch ist. Doch gerade hier zeigten sich deutliche
Abstumpfungserscheinungen schon während der allgemeinen Aufregung:
Die passionierten Fleischesser ließen sich auch von tonnenweise
sichergestelltem “Ekelfleisch” mit Gefrierbrand nicht den Appetit
verderben.

Womöglich ahnten sie, dass es nur eine Frage von Tagen sein
konnte, bis Greenpeace (oder “Ökotest”) herausfinden würde,
dass selbst Obst und Gemüse keineswegs unbedenklich, sondern, ganz
im Gegenteil, mit jeder Menge Pflanzenschutzmittelrückständen
belastet sind. Das wenigstens kann man einer gestandenen Currywurst
oder einem zünftigen bayerischen Fleischpfanzerl nicht vorhalten.
Aber auch Lebkuchen, Gummibärchen, Shrimps, Tee und Glühwein
bieten immer wieder Anlass zur Sorge.
So jagt eine Empörung die nächste, ein Skandal den anderen.

In den Nachrichten, Talkshows und Sonder-, Spezial-,
Brennpunktsendungen des Fernsehens äußern sich dazu passend
die Empörungsbeauftragten und Experten aller Sparten in
routinierter Ernsthaftigkeit. Sie sind Delegierte der Volkswut und
artikulieren den populären Zorn in professionell dosierter Weise.
Manchmal haben sie sogar Vorschläge zur Abhilfe. Meistens werden
Kommissionen gebildet und Gutachten vergeben. Dann hört man eine
Weile nichts mehr, bis irgendwann neue Vorschriften,
Ausführungsverordnungen, Grenzwerte oder Gesetze erlassen werden.

In der Zwischenzeit ist man allerdings schon längst bei Dieter
Bohlens neuer Alter in Tötensen oder Desireé Nicks
Zickenalarm im Dschungelcamp. Oder bei wichtigen Anzugträgern, die
mit Privatflugzeugen, Champagner und Großpackungen Viagra durch
die Welt jetten, um sich von Prostituierten verwöhnen zu lassen,
während die Arbeitskollegen am Band das Geld fürs
Vergnügen der Topmanager beischaffen.

In Skandalgewittern

Empörung ist eine verderbliche Ware geworden, ebenso inszenierbar
wie konsumierbar. Sie kennt keine Metaphysik mehr, weder Theorie noch
Telos, weder Bewegung noch Ziel. Sie hat buchstäblich keinen Sinn.
Denn sind wir ehrlich: Eigentlich regt man sich über nichts mehr
wirklich auf. Wir sind längst post-post-postmodern geworden. Wir
sind Papst. Wir sind Deutschland. Wir schlucken alles. Wir nehmen es
mit Ironie. Der Rest sind Verpuffungen, die aus den
Überdruckventilen strömen, Ressentiments, Schuldzuweisungen,
Verschwörungstheorien. Da ist man sozusagen reflexiv gefedert und
total abgeklärt, zynisch abgehangen und skandalgehärtet wie
keine Generation zuvor.

Selbst die dramatischsten und absurdesten Schlagzeilen der
“Bild”-Zeitung nimmt man überwiegend spielerisch und sportiv. Hier
und da ein Kopfschütteln, das war’s.
Echte Empörung dagegen setzt Maßstäbe voraus und
stört schon mal die laufenden Geschäfte.
Doch das deutsche Dauergejammer über alles und jedes, die
preiswerte Gefühlsaufwallung für zwischendurch, aber auch die
diffus lastende Dauertaubheit gegenüber den nervenden
Zeitläuften – all das ist wahrscheinlich nur die Kehrseite einer
unendlichen Toleranz, die an Gleichgültigkeit heranreicht.

Der jederzeit abrufbaren, zuweilen nur gespielten
Kurzzeit-Empörung mangelt die Perspektive, die Transzendenz, der
Horizont einer Alternative. Die Empörung verweist orientierungslos
nur auf sich selber. Ein wegweisendes Engagement fehlt, die
revolutionäre Essenz der Empörung, der Wille zur
Veränderung. Es ist offensichtlich: Wir leiden an einem
gesellschaftlichen Permafrost, an einer resignativen
Dauerunterkühlung.

Sie wird durch die hitzige Pseudoeruptionen nur kontrastiert und
hervorgehoben. So hat auch die Lust am Streit der Argumente
nachgelassen. In den Talkshows dominiert die Ich-Darstellung. Egomanie
statt Diskurs. Selbst die Wirtschaftsseiten der großen
Tageszeitungen sind inzwischen interessanter als die Feuilletons, in
denen allenfalls noch folgenlose Heuschreckendebatten toben.

Wer sich empört, stört

Alles in allem sind durchaus Symptome einer Depression erkennbar. Diese
Depression fußt freilich auf einem materiellen Reichtum der
Gesellschaft, der anderswo in der Welt zu ekstatischen
Glücksbekundungen führen würde.
Aber das ist es ja: Wir sind eben auch gekauft und gehemmt, korrupt,
faul und feige. Denkfaulheit und Opportunismus tarnen sich zu oft als
scheinbar alternativloser Pragmatismus. Schon beim Denken und
Meinungsäußern geht man lieber kein Risiko ein. Man hat ja
etwas zu verlieren.

Was aber zu gewinnen wäre, liegt im Nebel der Ungewissheit, im
Dunst einer diffusen Ängstlichkeit.
Genau an dieser Stelle befand sich früher einmal das Reich der
Imagination, das Universum der Möglichkeiten: Unter dem Pflaster
der Strand …

Bei aller Kritik am untergegangenen Prontosaurus Achtundsechzigiensis:
Inzwischen haben wir fast vergessen, dass in glücklichen
Augenblicken der Geschichte die Empörung über ungerechte und
unhaltbare Zustände der Vernunft auf die Beine helfen kann, jener
Vernunft, die die Freiheit des Denkens braucht wie die Luft zum Atmen.

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