Das Petra Prinzip

December 20, 2005

Was eigentlich will das Weib?

Filed under: Abschnitt,Argument,Beispiel,Literatur,These — by petraprinzip @ 11:09 am

Der regierende Feminismus ist erstarrt: Noch immer sieht er Frauen nur als Opfer / Essay von Mariam Lau

Nehmen wir an, dem Besucher einer fernen Galaxie fiele ein Bündel von Verlautbarungen unserer Frauenpolitikerinnen in die Hände, und er versuchte, aus diesem ein Bild von der Lage der Frau zu konstruieren: Er käme zu katastrophalen Ergebnissen. Gerade hat unter dem Vorsitz von Frauenministerin Christine Bergmann eine Konferenz zum Thema “Gewalt gegen Frauen ­ Maßnahmen zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt” in der europäischen Union begonnen. In einem Interview kommentierte die Ministerin, der Schutz des Staates dürfe künftig nicht mehr vor der Haustür haltmachen.

Unser Marsianer übersetzt sich diese Perspektive in eine Schreckensvision: Überall da, wo es keine öffentliche Kontrolle gibt, sind Frauen potentielle Opfer von Gewalt; je privater die Situation, desto gefährlicher. Also: Das vor kurzem durchgeboxte Gesetz gegen Vergewaltigung in der Ehe, für das man sich in frauenpolitischen Kreisen noch immer auf die Schulter klopft, hat nicht ausgereicht; es braucht wohl einen direkten staatlichen Zugriff auf die Wohnung, der dann womöglich auch nicht mehr lange auf eine Anzeige durch die betroffene Frau warten muß, sondern aus eigenem Antrieb tätig werden kann. Man weiß ja, wie eingeschüchtert Frauen durch jahrelange Gewaltverhältnisse sind . . .

Nirgends kommt die trostlose Lage der Frauenbewegung, 30 Jahre nach ihrer Entwicklung aus dem Schoß der Studentenbewegung, deutlicher zum Ausdruck als in der verzweifelten Konzentration auf etwas derart Vages, Metaphorisches und Beliebiges wie “Gewalt”. Ihr sind die Themen ausgegangen. Angesichts einer durchgesetzten rechtlichen Gleichstellung, der es aber nicht gelungen ist, alle Wirkungen des Geschlechtsunterschiedes zu überwinden, weiß sie nicht mehr: Was will das Weib? Sie will es auch gar nicht wissen. Wie eine in Bernstein gefangene Fliege ist das “Bewegte” an ihr geronnen zu einem starren Apparat von Frauenbeauftragten, Gleichstellungsbeamtinnen und Ministerinnen, die nicht mehr anders können, als sich ihre Klientel als Opfer vorzustellen. Wer Gewalt gegen Frauen nicht für das Thema hält, ist ihr bereits zum Opfer gefallen oder ein Kollaborateur, der drüben bei den Männern Karriere machen will.

Der Begriff der Gewalt wird hier bis zur Lächerlichkeit gedehnt. In dem berühmtesten aller Frauenratgeber, “Unser Körper, unser Leben”, heißt es beispielsweise: “Gewalt gegen Frauen ist eine alltägliche Erfahrung. Die Anmaßung, mit der Männer auf der Straße Frauen begegnen, ist ebenso ein Zeichen für ihren Machtanspruch wie die zahlreichen realen oder Phantasiebilder, mit denen wir in Fernsehsendungen, Filmen und vor allem in der Werbung konfrontiert werden. . . . Mindestens dreißig spezifische Situationen in unserem sozialen Zusammenleben wurden unterschieden, ein breites Spektrum, das Sterilisationsmißbrauch, Pornographie, Mißbrauch von medikamentösen Behandlungen, Erzeugung von Selbsthaß und ökonomische Unterdrückung erfaßt.”

Angesichts dieses in der Tat “breiten Spektrums” wird wohl niemand mehr bestreiten wollen, daß es sich eher um eine Art metaphorischer Beschreibung handelt, mit der nicht ein zu beseitigender Mißstand beschrieben werden soll, sondern die grundsätzliche Situation zwischen Männern und Frauen, die man nur abschaffen kann, wenn man die Tatsache abschafft, daß es zwei verschiedene Geschlechter gibt. Der Sexualwissenschaftler Rüdiger Lautmann konstatiert mit Beklemmung, wie sich die Botschaft der sechziger Jahre, Sex sei harmlos, spätestens seit den achtziger Jahren in ihr Gegenteil verkehrt hat: Sex ist seither eine Form von Machtausübung. Das Schlagwort von der “Zwangsheterosexualität” ist da ebenso sprechend wie der Slogan “Pornographie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis”. War die Metapher des 19. Jahrhunderts für Sex “Prostitution”, so ist sie für das späte 20. Jahrhundert “Gewalt”.

Es kann kein Zufall sein, daß dem oben zitierten Frauenratgeber auch der weibliche Selbsthaß in die Aufzählung männlicher Gewaltakte gerutscht ist. In der Tat läuft die gegenwärtige Frauenpolitik mit ihrem Wahn von der totalen Gleichstellung auf die Auslöschung eines der beiden Geschlechter hinaus ­ frappierenderweise aber eben des weiblichen. Alles Frauenspezifische ­ in erster Linie natürlich das Kindergebären ­ wird ausgeblendet oder als eine auf beide Lebenspartner zu verteilende Last beschrieben. Wieder und wieder beklagt Frauenministerin Bergmann, die Aufteilung der Hausarbeit und Kinderpflege bleibe weit hinter den gesetzlichen Möglichkeiten zurück. Auch wenn sie es nicht ganz so deutlich sagt, kann sie sich dafür aber offenbar doch keine anderen Gründe vorstellen, als daß die Frauen gegen ihren Willen zu diesen menschenverachtenden Tätigkeiten gezwungen werden ­ sicher mit einem ganzen Bündel von Gewaltakten.

Schade, daß auch eine rot-grüne Regierung, der man etwas mehr Enthusiasmus für die frei disponierende Bürgerin gewünscht hätte (der sie ja mit ihrer Bildungspolitik erheblich auf den Weg geholfen hat), so zäh am Opferstatus von Frauen festhält. Vielleicht könnte ein bißchen unerschrockene Empirie hier weiterhelfen. Dann würde sich herausstellen, was Katharina Rutschky in ihrem neuen Buch vermutet: daß Männer und Frauen den Haushalt als Bühne für den Geschlechtsunterschied benutzen. Die Freiheit nehmen sie sich.

Mariam Lau lebt als freie Publizistin in Berlin.

© DIE WELT, 31.3.1999

Leserbrief von Dr. Karin Jäckel:

Mariam Lau hat es auf den Punkt gebracht: Die aktuelle Frauenpolitik agiert wirklichkeitsfremd und dient allenfalls insofern den Interessen der Frauen, als sie dem vergleichsweise kleinen Trupp der Ministerinnen, Frauenbeauftragtinnen, Gleichstellungsbeamtinnen und Leiterinnen zahlloser staatliche geförderter Frauenprojekte in ABM-Manier den Job erhält.

Anstatt die in Deutschland längst erreichte Gleichberechtigung der Frau zu begrüßen und ein partnerschaftliches Miteinander der Geschlechter zu fördern, wird die Gleichberechtigung negiert und durch eine in Einpeitschermanier betriebene Männer-Verhetzung ein Geschlechterkampf sondergleichen angeheizt.

Auf der Strecke bleiben neben Familien und Kindern die Frauen selbst, deren Unmündigkeit durch die gebetsmühlenartige Neuerfindung ihrer Opferrolle erst kunstvoll erzeugt wird.

Dr. Karin Jäckel, Autorin u.a. “Der gebrauchte Mann – Abgeliebt und abgezockt – Väter nach der Trennung”

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